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Leitbild des Jugendhilfe Bottrop e. V.

 
Wir schätzen die Wurzeln und die Entwicklung und schöpfen daraus Inspirationen für die Gegenwart und für die Zukunft

Die Geschichte des Jugendhilfe Bottrop e.V. begann 1972, als sich die Gründungsmütter und -väter des Vereins dem damals neuen Phänomen jugendlicher Drogenkonsument:innen zuwandten. Diese Jugendlichen bewegten sich im öffentlichen Raum und forderten nicht nur in Bottrop die Öffentlichkeit und pädagogischen Fachkräfte heraus. Es bedurfte Ideen zur Unterstützung dieser Personengruppe. Hinreichende professionellen Handlungskonzepte der ambulanten und stationären Suchthilfe waren noch nicht entwickelt worden. Dazu brauchte es Menschen, die sich diesem Klientel und dieser Phänomene widmen. 
 

Einer der Gründungsväter, Alfred Heiermann (Berufsschulpfarrer und Stadtjugendseelsorger der Stadt Bottrop, 15.05.2014), beschrieb den Prozess der Gründung des Vereins anlässlich des 30-jährigen Bestehens (2002) wie folgt:
 

„Wir mussten Frauen und Männer finden, die nicht satt und selbstzufrieden waren. Die sich nach einer humaneren Zukunft sehnten. Denen deshalb die junge Generation ein besonderes Anliegen war und ist. Frauen und Männer, die gerade mit jungen Menschen auf dem Weg sein wollten, die in Krisen geraten sind; die Erfahrungen des Scheiterns, des Zerbrechens, der Verlassenheit und der Boshaftigkeit machen. Humanität zeigt sich doch gerade darin, wie eine Gesellschaft mit den Schwachen umgeht. Mit denen, die sich in materieller, körperlicher und seelischer Armut befinden und sich am Rande der Lebenskraft und des Lebenswollens fühlen; die der Beratung und Begleitung bedürfen.“ (Alfred Heiermann, Vorwort Jahresbericht JHB e.V. 2001/2002)

 

Bereits im Jahre 1972 war es den Trägern des Vereins wichtig, sowohl Jugend- als auch Drogen- und Angehörigenberatung sowie Präventionsangebote als Gesamtkonzept bereitzuhalten und anzubieten. Den Gründungsvätern und -müttern war es ein Anliegen, einen Raum für diese Jugendlichen zu schaffen. Einen Raum, der außerhalb ordnungspolitischer Institutionen verortet sein sollte, an dem Konsument:innen von illegalen Drogen ein Angebot ohne Sorge vor Restriktion oder Stigmatisierung erhalten konnten. Dieser Raum sollte unabhängig, überparteilich und überkonfessionell sein. Obwohl die Drogenhilfe damals nicht die differenzierte und wissenschaftlich fundierte Angebotsstruktur vorhalten konnte wie heute, war den Gründungsmitgliedern des Vereins der Zusammenhang zwischen jugendlicher Identitätsbildung (mit den dazugehörigen Entwicklungsaufgaben) und einer erhöhten Risikobereitschaft auch hinsichtlich des Konsums psychotroper Substanzen bewusst. Es sollte deshalb keine Trennung zwischen Jugend- und Drogenberatung geben, sondern im präventiven Sinne jugendliche Entwicklungsförderung und jugendliche Räume gestärkt werden, um schädigende Konsummuster zu verhindern.

 

Anliegen des Trägers war es, die Augenhöhe für die betroffenen Menschen nicht zu verlieren und diese als autonome und selbstbestimmte Individuen zu achten und zu stärken. Im Laufe der über 50-jährigen Vereinstätigkeit sind den jeweils aktuellen Herausforderungen entsprechend beratende Dienste für Jugendliche, junge Erwachsene und die Erwachsenen, die mit ihnen leben und arbeiten (Eltern, Schulen, Jugendarbeit, Ausbildungsbetriebe etc.), entwickelt und installiert worden. Die enge Verzahnung der Jugend- und Drogenberatungsstelle und der Fachstelle für Prävention führte und führt bis heute beim Jugendhilfe Bottrop e.V. in Kooperation mit anderen Einrichtungen zu frühzeitigen Interventionen, um so mögliche problematische Entwicklungen zu verhindern.

 

Der Jugendhilfe Bottrop e.V. ist Träger der Jugend- und Drogenberatungsstelle und der Fachstelle für Prävention. Er ist seit 1972 als freier Träger der Jugendhilfe durch die Stadt Bottrop anerkannt. Er ist unabhängig, überparteilich und überkonfessionell tätig und organisiert.
 

Unser Verhaltenskodex ist sowohl in unserer Geschichte als auch in unserem Selbstverständnis als Jugendhilfeträger verwurzelt und spiegelt sich in unseren Kooperationen mit externen Partner:innen und der Arbeit mit den Zielgruppen wider.
 

 

Wir verstehen den Menschen als leibliches, freies, sich selbst bestimmendes Wesen 

Aus der Historie des Trägers ist eine wertgebende Haltung entstanden, die Humanität als individuelle und gesellschaftliche Aufgabe betrachtet. Wie gehen wir als Gesellschaft, als Kommune mit Menschen um, die nicht über ausreichende individuelle und/oder soziale Ressourcen verfügen, um ihre Probleme eigenständig zu bewältigen?

 

Das Menschenbild des Jugendhilfe Bottrop e.V. schafft dazu einen ethischen Bezugsrahmen und fußt auf humanistischen Grundannahmen, welche das Gegenüber als „Schicksalsgenossen“ (vgl. u.a. H. Petzold 2012) begreifen. Grundsätzlich gilt es in allen Bereichen der sozialen Arbeit und in politischen Diskursen zu (kommunalen) Notwendigkeiten und Bedarfen, das Gegenüber in dessen Würde zu achten und eine humane Grundhaltung einzunehmen, die uns als grundsätzlich miteinander verbunden ansieht. Dies beinhaltet Begegnungen mit Menschen als Prozess zu verstehen, der nur in der Achtung der individuellen Anders- und Einzigartigkeit (u.a. Alter, Geschlecht, kulturelle und nationale Identität, sexuelle Orientierung, religiöse Verbundenheit) fruchtbar und entwicklungsfähig sein kann. Eine solche anthropologische Grundhaltung beinhaltet immer den Respekt vor der Würde und der Autonomie des Menschen.
 

Der Mensch wird von uns als leibliches, freies, sich selbst bestimmendes Wesen definiert. Der gemeinsame Beziehungsraum wird als konstituierend für das Menschsein verstanden. Der Mensch ist nicht als Singular denkbar, sondern findet seine Identität in der Beziehung zum Gegenüber (vgl. u.a. Fuchs 2022). Unser Selbst entsteht durch soziale Interaktionen (vgl. u.a. Mead 1934).
 

Menschen bilden, entwickeln und verändern ihre Identitäten stetig im Lebensverlauf innerhalb dieser Beziehungsräume. Den Hintergrund dazu bilden biographische, soziale und körperliche Bedingungen. Gesellschaftlich-historische Kontexte sowie soziale und gendersbezogene Aspekte wirken in diesem Zusammenhang ebenfalls identitätsbildend, identitätsstabilisierend oder aber auch identitätsgefährdend. Diesen hoch differenzierten Kontext gilt es zu berücksichtigen, zu verstehen und zu würdigen. Als professionell Tätige orientieren wir uns an diesem Verständnis des Menschen. Wir folgen dem Hilfebedarf der Klient:innen, dort wo das Individuum mit dem ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen an individuelle und/oder sozial gesellschaftliche Grenzen stößt (vgl. Böhnisch 2023). Wir sehen und stärken dabei die Kompetenzen und Ressourcen der Klient:innen und verstehen uns im Austausch als Verantwortliche für die Strukturierung des Hilfeprozesses. 

 

 

Integrität ist unser Fundament

Die Führungs- und Organisationskultur fußt wesentlich auf dem oben beschriebenen Menschenbild und die wertegebundene Haltung des Trägers. Sie richtet sich nicht nur auf die ihm anvertrauten Klient:innen und die Kooperationspartner:innen, sondern trägt und gestaltet die interne Kultur und Kommunikation des Trägers. 

 

Wir wahren hohe Standards in Schlüsselbereichen wie Ethik, Fairness und Qualitätssicherung in allen Interaktionen, sowohl organisationsintern wie in der Kooperation mit Institutionen und der Arbeit mit uns anvertrauten Klient:innen. Die Kongruenz dieser Haltung, nach innen und außen, ist Teil unseres Grundverständnisses. Die Einhaltung rechtlicher Grundsätze (u.a. Grundgesetz, UN-Kinderrechtskonvention) wird wie auch die Umsetzung unserer Nachhaltigkeitsziele vorausgesetzt.

 

Wir sehen die Potentiale der Mitarbeitenden in deren Diversität, Chancengleichheit und fördern Vielfalt als wichtige Ressource. Interne Kommunikationsstrukturen werden in der wechselseitigen Achtung von Andersartigkeit verstanden, die Prozesse der Co-Kreativität anstoßen und Diskurse ermöglichen. Solche Kommunikationsstrukturen fördern und initiieren Abläufe, die konsensgetragene Konzepte hervorbringen. Ein besonderer Fokus wird auf die Förderung von gegenseitiger und hierachieübergreifender Kommunikation und Kooperation gelegt. Dies fördert gemeinsames Lernen, selbstreflexive Prozesse und interne Prozessqualität. Hierzu werden sowohl interne Kommunikationsstrukturen (u.a. kollegiale Fallberatung, EFQM, interne Fortbildungen, tägliche Übergaben, Teamsitzungen und Teamtage, Mitarbeiter:innengespräche, Dokumentationssysteme) genutzt, als auch externe Supervision und Fortbildungen ermöglicht. Die Mitarbeitenden reflektieren im Team ihre Tätigkeit stetig und optimieren sie bedarfsgerecht durch die oben beschriebenen Kommunikationsstrukturen und Instrumentarien. Die Arbeitsatmosphäre wird somit von Offenheit und Vertrauen getragen.

 

Eine gelingende Teamarbeit mit flachen Hierarchien und transparenten Kommunikationsmustern bildet die Basis des Trägers und sichert u.a. eine langfristige Anbindung an und die Identifikation mit der Organisation. Es existieren keine Abteilungen und Abteilungsleitungen für bestimmte Fachbereiche. Die Arbeitsbereichsaufteilungen werden nach Bedarf, Möglichkeiten, Anforderungen und Belastungen (Kapazitäten) flexibel gehandhabt. Das Team wird über Aufgaben und Strategien des Vorstandes, der Geschäftsführung und der Leitung involviert. Vorstand, Geschäftsführung und Leitung gestalten alle Prozesse innerhalb der Organisation entsprechend. Jede Entscheidung und Tätigkeit unterliegt damit ethischen, fachlichen, pragmatischen, politischen und strategischen Überlegungen.

 

Alle aufgeführten Maßnahmen werden auch im Sinne einer betrieblichen Gesundheitsfürsorge betrachtet und bedürfen einer stetigen und prozesshaften Überprüfung.

 

Es erfolgt dauerhaft ein fachgerechtes Qualitätsmanagement (EFQM), das den Förderanforderungen des Landes NRW entspricht und in den Wirksamkeitsdialog mit der Stadt Bottrop als größte Zuwenderin implementiert ist. Die Tätigkeiten werden mit den landes- bzw. bundesweiten, standardisierten Erhebungsverfahren erfasst und ausgewertet.

 

Finanzielle Ressourcen werden ausschließlich effektiv für die Weiterentwicklung der Aufgaben des Trägers und die Belange der Klient: innen genutzt. Der Verein dient ausschließlich und unmittelbar gemeinnützigen und mildtätigen Zwecken. 

 

 

Wir stellen den Menschen in den Mittelpunkt

Als freier Träger der Jugendhilfe ist die Entwicklungsförderung von Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Drogenkonsument:innen von legalisierten und illegalisierten Drogen eine unserer zentralen Aufgaben. Diese werden mit den Arbeitsschwerpunkten Jugend- und Drogenberatung, Eltern- und Angehörigenberatung und der Fachstelle für Prävention mit der ausschließlichen kommunalen Zuständigkeit für die Stadt Bottrop bewältigt.

 

Es werden auf den individuellen Hilfebedarf des einzelnen Kindes, Jugendlichen, jungen Volljährigen und des Erwachsenen oder/und des Familiensystems gemeinsam zugeschnittene Angebote entwickelt. Flexible und individuelle Einzelfallhilfen werden so konzipiert.

 

Vorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung von problematischen Entwicklungen (insbesondere durch Drogen) bei Kindern, Jugendlichen, jungen Volljährigen und Erwachsenen und Förderung von individuellen und sozialen Ressourcen werden ebenfalls gemeinsam mit den Trägern (u.a. Schule, Jugendhilfe) nach den aktuellen wissenschaftlichen Standards und den kontext- und zielgruppenspezifischen Gegebenheiten entwickelt.  Dabei werden insbesondere soziale und gesellschaftliche Partizipationsräume für Jugendliche geschaffen, Möglichkeiten erarbeitet, um gefährdeten Menschen Zugänge zu Beratung, Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten zu eröffnen. Kommunale Bedingungen, die der Chancengleichheit dienlich sind, und Ressourcen im Besonderen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen werden gefördert. Außerdem werden Mitarbeiter:innen (u.a. Lehrer:innen, Jugendarbeiter:innen) in ihren präventiven und korrektiven Aufgaben u.a. durch Fortbildungen und kollegiale Beratungen unterstützt. Zentral hierfür sind kommunale Kooperationen und Netzwerke. Wir arbeiten mit allen amtlichen Stellen und sonstigen Institutionen und Verbänden, die sich mit der gleichen Problematik befassen, zusammen, soweit sie die Einhaltung rechtlicher Grundsätze teilen (s.o.).

 

Wir bleiben offen für die Integration neuer wissenschaftlich relevanter Erkenntnisse, verlieren dabei jedoch die wertgebundenen Haltungen nicht. 

 

Unsere Philosophie umfasst soziale, ökonomische und ökologische Werte. Wir sehen uns als Organisation mit einer Jugend- und Drogenberatungsstelle und Fachstelle für Prävention in der Verantwortung gegenüber unseren Klienten:innen, Mitarbeitenden, den Bürger:innen der Stadt Bottrop, der Gesellschaft und der Umwelt. 

 

So stellen wir immer den Menschen in den Mittelpunkt.


Quellen

  • Böhnisch, Lothar (2023): Lebensbewältigung. Ein Konzept der sozialen Arbeit, 3. Auflage. Beltz Juventa in der Verlagsgruppe Beltz: Weinheim Basel.

  • Fuchs, Thomas (2022): Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verkörperten Anthropologie, 4. Auflage. Suhrkamp: Berlin.

  • Mead, George Herbert (1934): Geist, Identität und Gesellschaft (USA).

  • Petzold, Hilarion (2012): Die Menschenbilder in der Psychotherapie Interdisziplinäre Perspektiven und die Modelle der Therapieschulen. Wien: Krammer, Neuaufl. Aisthesis Verlag Bielefeld.